TL;DR: Stürze sind die häufigste Unfallursache bei über 65-Jährigen (30 % stürzen jährlich). Physiotherapie kann das Sturzrisiko um 23–40 % senken. Evidenzbasierte Programme kombinieren Kraft-, Gleichgewichts- und Dual-Task-Training. Hier der Leitfaden für Therapeuten.
Stürze im Alter: Das Problem in Zahlen
In Deutschland stürzen jährlich rund 4–5 Millionen ältere Menschen (≥65 Jahre) – jeder Dritte mindestens einmal. 10–15 % der Stürze führen zu Verletzungen, 1–2 % zu Hüftfrakturen. Eine Hüftfraktur bedeutet: OP, 3–6 Wochen Krankenhaus, oft dauerhafter Pflegebedarf. 20–30 % der Hüftfrakturpatienten sterben innerhalb eines Jahres. Sturzprävention ist damit eine der wichtigsten Public-Health-Maßnahmen – und Physiotherapeuten sind die Schlüsselakteure.
Risikofaktoren für Stürze
Intrinsische Faktoren
- Muskelschwäche (stärkster Einzelfaktor, RR 4,4)
- Gleichgewichtsstörungen (RR 2,9)
- Gangstörungen (RR 2,9)
- Sehstörungen (RR 2,5)
- Kognitive Einschränkungen/Demenz (RR 2,4)
- Polypharmazie (≥5 Medikamente, besonders Psychopharmaka) (RR 1,7)
- Vorherige Stürze (stärkster Prädiktor für zukünftige Stürze)
Extrinsische Faktoren
- Stolperfallen (Teppiche, Kabel, Schwellen)
- Schlechte Beleuchtung
- Ungeeignetes Schuhwerk
- Fehlende Haltegriffe in Bad/Toilette
- Glatte Böden, fehlende Handläufe
Assessment: Sturzrisiko systematisch erfassen
- Timed Up and Go (TUG): Aufstehen, 3 m gehen, umdrehen, zurückkommen, hinsetzen. >14 Sek. = erhöhtes Risiko
- Berg Balance Scale (BBS): 14 Items, max. 56 Punkte. <45 = erhöhtes Sturzrisiko
- Tinetti-Test (POMA): Gleichgewicht + Gang. Max. 28 Punkte, <20 = hohes Risiko
- Chair Stand Test (5x Aufstehen): >12 Sek. = Muskelschwäche
- Sturzanamnese: Anzahl Stürze letzte 12 Monate, Umstände, Sturzangst
Evidenzbasierte Sturzpräventionsprogramme
Otago Exercise Programme
Das am besten untersuchte Sturzpräventionsprogramm weltweit. 5 Kraftübungen + 12 Gleichgewichtsübungen + Gehprogramm. Durchführung: 3x/Woche zu Hause + 2x/Woche Gehen. Supervidiert durch Physiotherapeut (8 Hausbesuche + Telefonanrufe über 12 Monate). Evidenz: Reduktion des Sturzrisikos um 35 % (Campbell et al., mehrere RCTs).
FaMo-S (Fallpräventives Motorisches Training für Senioren)
Deutsches Programm, entwickelt an der DSHS Köln. Gruppentraining (8–12 Teilnehmer), 12 Wochen, 2x/Woche 60 Min. Inhalte: Kraft, Gleichgewicht, Dual-Task, Reaktivkraft. Evidenz: Reduktion des Sturzrisikos um 25–30 %. Kostenlos verfügbar als Manual.
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ProFaNE-Framework
Das ProFaNE-Netzwerk (Prevention of Falls Network Europe) empfiehlt: Multimodales Training mit Schwerpunkt Gleichgewicht, mindestens 3x/Woche, mindestens 3 Stunden/Woche, über mindestens 6 Monate. Kraft + Gleichgewicht + Dual-Task ist die evidenzstärkste Kombination (Sherrington et al. 2019, Cochrane).
Praktische Übungen für die Therapie
Kraftübungen
- Kniebeugen am Stuhl: 2x10, Steigerung ohne Armstütze
- Zehenstand: 2x15, Steigerung einbeinig
- Fersenstand: 2x10, Steigerung auf weichem Untergrund
- Beinabduktion im Stand: 2x10 pro Seite, Theraband-Steigerung
- Sit-to-Stand: 5–10 Wiederholungen, Tempo steigern
Gleichgewichtsübungen
- Tandemstand: 30 Sek., Steigerung mit Kopfdrehung
- Einbeinstand: 15–30 Sek., Steigerung mit Augenschließen
- Tandemgang: 10 Schritte vorwärts + rückwärts
- Gewichtsverlagerung: Seitlich auf Weichbodenmatte
- Reaktive Balance: Sanfte Stöße, Ausweichschritte üben
Abrechnung und Vergütung
Sturzprävention kann als KG (Einzeltherapie) oder KGG (Gruppentherapie) auf Rezept abgerechnet werden. KGG ist besonders effizient: 3–4 Patienten gleichzeitig, höherer Stundenumsatz. Zusätzlich: Präventionskurse nach §20 SGB V (zertifiziert von der ZPP) als Selbstzahlerleistung, 80–120 € pro Teilnehmer für 8–12 Einheiten.
„Seit wir das Otago-Programm in unserer Praxis anbieten, haben unsere Patienten 40 % weniger Stürze. Und die Kassen bezahlen alles.“ – Praxisinhaber, 45, Münster