Eine eigene Logopädie-Praxis eröffnen. Freiheit und Eigenbestimmung. Aber die Kassenvergütungssätze sind die niedrigsten unter den Heilmittelberufen. Kann sich das trotzdem lohnen?
Die besondere Herausforderung der Logopädie
Eine 45-Minuten-Behandlung bringt ca. 42–50 EUR. Das klingt nach wenig. und ist es auch. Deshalb muss die Kalkulation besonders sorgfältig sein.
Zum Vergleich: Eine physiotherapeutische Behandlung (KG, 20 Min.) bringt 22–28 EUR, aber der Physio schafft 16–20 Behandlungen am Tag. Du als Logopädin schaffst realistisch 6–8. weil deine Behandlungen 45 Minuten dauern und Vor-/Nachbereitung brauchen. Das begrenzt deinen Umsatz fundamental.
Was kostet die Gründung?
- Einrichtung: 5.000 – 15.000 EUR
- Umbau (Schallschutz ist Pflicht!): 3.000 – 10.000 EUR
- Testverfahren & Diagnostik: 2.000 – 4.000 EUR
- Software & Abrechnung: 1.000 – 2.500 EUR
- Kassenzulassung: 500 – 1.500 EUR
- Reserve: 10.000 – 20.000 EUR
- Gesamt: 22.000 – 55.000 EUR
Schallschutz: Die unterschätzte Kostenfalle
Schallschutz ist die größte bauliche Anforderung. Die Kassen verlangen schallisolierte Therapieräume. du arbeitest mit Stimme und Hörwahrnehmung. Plane 2.000–6.000 EUR extra für Wände, Türen und Deckenakustik ein. Tipp: Lass vorher ein Schallgutachten machen (200–500 EUR).
Die Einnahmen-Rechnung
6 Behandlungen/Tag, 42–50 EUR: ca. 5.000–6.000 EUR Umsatz/Monat. Minus Miete, Material, Versicherungen, Steuern. Bleiben: 2.500–3.500 EUR Netto. Kaum mehr als angestellt.
Detaillierte Solo-Rechnung
- Monatsumsatz brutto: ca. 5.400–6.300 EUR
- Miete (60–80 m²): -700–1.000 EUR
- Krankenversicherung: -400–700 EUR
- Versicherungen + Altersvorsorge: -450–750 EUR
- Software, Steuerberater, Material: -400–700 EUR
- Steuern: -800–1.500 EUR
- Netto zum Leben: ca. 1.800–2.700 EUR
Angestellt verdienst du 2.600–3.200 EUR brutto, ca. 1.700–2.100 EUR netto, ohne Risiko, mit bezahltem Urlaub und Krankenversicherung.
Meine Praxis war 3 Jahre mein Stolz und meine Bürde. Finanziell habe ich erst im Jahr 4 mehr verdient als angestellt. und nur, weil ich eine zweite Logopädin eingestellt habe.
Kassenzulassung beantragen
Ohne Kassenzulassung erreichst du nur Privatpatienten, in NRW maximal 10–15% des Marktes. Antrag bei der ARGE NRW, Berufsurkunde vorlegen, Räume nachweisen (Schallschutz!), IK-Nummer beantragen. Bearbeitungszeit: 4–8 Wochen.
Bessere Praxis finden?
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Wann es sich trotzdem lohnt
- Warteliste: 3+ Monate = sofort Patienten
- Privatpatienten: Verdoppeln deine Stundensätze
- Team aufbauen: Ab 2 Angestellten wirtschaftlich tragfähig
- Nische: FEES-Ambulanz, Stotter-Zentrum, Redeflusszentrum
- Praxisübernahme: Günstiger und sicherer als Neugründung
- Standort mit Unterversorgung: Ländliche Gebiete haben 3–6 Monate Wartezeit
- Kooperation mit Kliniken: Entlass-Patienten als stabilen Patientenstrom
Skalierung: Vom Solo zum Team
Die Rechnung ändert sich dramatisch mit Mitarbeiterinnen. Eine angestellte Logopädin generiert 5.000–6.000 EUR Umsatz und kostet ca. 3.500–4.500 EUR. Überschuss: 1.000–1.500 EUR pro Mitarbeiterin. Mit 3 Angestellten: 4.000–5.000 EUR Netto.
Fördermöglichkeiten
- KfW-Startgeld: Bis 125.000 EUR, günstige Zinsen
- Gründungszuschuss: Aus Arbeitslosigkeit, 6 Monate ALG + 300 EUR
- NRW-Förderung: Beratungsgutscheine bis 2.000 EUR
- Berufsverband dbl: Musterverträge, Kalkulationshilfen
Praxisübernahme vs. Neugründung
Eine Praxisübernahme ist fast immer der sicherere Weg. Du bekommst einen bestehenden Patientenstamm, eine laufende Kassenzulassung, eingespieltes Personal und sofort Umsatz. Der Kaufpreis liegt typischerweise bei 50–100% des Jahresumsatzes. Bei einem Umsatz von 70.000 EUR zahlst du also 35.000–70.000 EUR. aber du sparst dir die Anlaufphase von 12–18 Monaten.
Neugründung lohnt sich, wenn du in einem Gebiet mit Unterversorgung gründest (ländliche Regionen in NRW, Randgebiete großer Städte) oder eine klare Nische bedienst (FEES-Ambulanz, Stotterzentrum, bilinguale Therapie). Ohne Alleinstellungsmerkmal dauert es 1–2 Jahre, bis du ausgelastet bist.
Businessplan und Finanzierung
Ein Businessplan ist nicht nur für die Bank: er zwingt dich, deine Annahmen zu überprüfen. Die wichtigsten Punkte: Wie viele Behandlungen pro Tag realistisch? Wie hoch sind die Fixkosten? Ab wann erreichst du Break-Even? Wie finanzierst du die ersten 6–12 Monate ohne vollen Umsatz?
- Liquiditätsreserve: Mindestens 6 Monate Fixkosten (15.000–25.000 EUR) auf dem Konto
- KfW-Startgeld: Bis 125.000 EUR zu günstigen Zinsen, kein Eigenkapital nötig
- Gründungszuschuss: 6 Monate ALG + 300 EUR (Antrag VOR Gründung bei der Agentur für Arbeit)
- NRW-Beratungsgutscheine: Bis 2.000 EUR für Gründercoaching
- Steuerberater ab Tag 1: Investiere 200–300 EUR/Monat: spart dir später tausende
Die ehrliche Alternative
Prüfe zuerst den Arbeitsmarkt. Eine Praxis, die dir 45-Min-Takt, Fortbildungen und Mitsprache bietet, gibt dir 80% der Vorteile der Selbstständigkeit, ohne das finanzielle Risiko. Der Arbeitsmarkt in NRW ist 2026 extrem vorteilhaft für angestellte Logopädinnen.
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Ich habe 2 Jahre über die Gründung nachgedacht. Dann habe ich eine Praxis gefunden, die mir 45-Minuten-Takt, 1.500 EUR Fortbildungsbudget und Mitsprache bietet. Die Gründung habe ich verschoben.
Fazit: Gründung mit offenen Augen
Eine eigene Logopädie-Praxis kann sich lohnen. wenn du bereit bist, ein Team aufzubauen, eine Nische zu bedienen und die ersten 2–3 mageren Jahre durchzuhalten. Solo-Selbstständigkeit ist wirtschaftlich fast immer ein Verlustgeschäft.