Du denkst über deine eigene Ergotherapie-Praxis nach? Mehr Gestaltungsfreiheit, eigenes Therapiekonzept, kein Chef. Aber die finanziellen Realitäten der Ergotherapie sind anders als in der Physiotherapie.
Die Kostenrechnung: Ergo-Praxis vs. Physio-Praxis
Eine Ergo-Praxis ist günstiger einzurichten: weniger Großgeräte. Dafür sind die Kassenvergütungssätze niedriger.
- Einrichtung & Material: 10.000 – 25.000 EUR
- Umbau: 5.000 – 15.000 EUR
- Kassenzulassung: 500 – 1.500 EUR
- Software & IT: 1.000 – 3.000 EUR
- Reserve 3–6 Monate: 12.000 – 25.000 EUR
- Gesamt: 28.000 – 70.000 EUR
Vergleich mit Physiotherapie-Gründung
Zum Vergleich: Eine Physiotherapie-Praxis kostet 50.000–150.000 EUR: hauptsächlich wegen der teuren Geräte (Trainingsfläche, KGG-Geräte, Behandlungsliegen). Die Ergo-Praxis braucht weniger Platz und weniger Ausstattung. Dafür brauchst du hochwertiges Therapiematerial: sensorische Integrationsausstattung, Kreativmaterial, diagnostische Testverfahren, Handtherapie-Werkzeuge.
Die Einnahmen-Realität
Eine Einzelbehandlung (motorisch-funktionell, 30 Min.) bringt ca. 38–42 EUR. Bei 6 pro Tag und 20 Arbeitstagen: ca. 4.600–5.000 EUR Umsatz. Minus Miete, Material, Versicherung, Steuern.
Beispielrechnung: Solo-Praxis
- Umsatz bei 6 Behandlungen/Tag: ca. 4.800 EUR/Monat
- Miete (80 m², mittlere Lage): -800 EUR
- Versicherungen (Haftpflicht, BU, Krankenversicherung): -700 EUR
- Material & Verbrauch: -200 EUR
- Software, Telefon, Internet: -150 EUR
- Steuern & Abgaben (ca. 30%): -1.440 EUR
- Verbleibendes Netto: ca. 1.510 EUR: weniger als angestellt
Diese Rechnung zeigt das Problem: Als Solistin arbeitest du Vollzeit, trägst das volle Risiko und verdienst weniger als in einer guten Anstellung. Die Selbstständigkeit lohnt sich erst, wenn du skalierst.
Die Kassensätze in der Ergotherapie sind so niedrig, dass du als Solistin kaum über Mindestlohn kommst. Erst mit 2–3 Angestellten wird es wirtschaftlich.
Voraussetzungen
Bevor du den Schritt wagst, musst du einige formale und praktische Voraussetzungen erfüllen:
- Staatliche Anerkennung als Ergotherapeut:in
- Mindestens 2 Jahre Berufserfahrung
- Kassenzulassung (IK-Nummer + Räume)
- Berufshaftpflichtversicherung
- Businessplan für Finanzierung
- Idealerweise: Spezialisierung (SI oder Neuro)
- Freiberufler-Status beim Finanzamt (Ergotherapie ist freiberuflich, kein Gewerbe nötig)
- Barrierefreier Zugang (abhängig von Kassenzulassungs-Anforderungen)
Kassenzulassung: Der bürokratische Weg
Die Kassenzulassung ist Pflicht, wenn du mit gesetzlich Versicherten arbeiten willst. und das sind 85% deiner potenziellen Patienten. Der Prozess dauert 4–8 Wochen:
- Antrag bei der zuständigen Arbeitsgemeinschaft (z.B. ARGE NRW)
- Nachweis: Berufsurkunde, Berufserfahrung, Haftpflichtversicherung
- Räumlichkeiten: Mindestfläche (meist 40–50 m² Behandlungsfläche), Wartebereich, WC
- IK-Nummer (Institutionskennzeichen) beantragen
- Prüfung durch die Kassen (Raumbegehung möglich)
- Kosten: 500–1.500 EUR für den gesamten Zulassungsprozess
Wichtig: Ohne Kassenzulassung darfst du nur Privatpatienten behandeln. In NRW sind das maximal 10–15% des Marktes, zu wenig für eine tragfähige Praxis.
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Der Businessplan: Was die Bank sehen will
Auch wenn du keinen Kredit brauchst, ist ein Businessplan unverzichtbar, für deine eigene Klarheit und für die Bank oder das Finanzamt.
- Marktanalyse: Wie viele Ergo-Praxen gibt es in deinem Einzugsgebiet? Gibt es Wartelisten? Welche Nischen sind unterversorgt?
- Standortanalyse: Erreichbarkeit, Parkplätze, Nähe zu Kinderärzten/Psychiatern, Mietkosten
- Finanzplan: Investitionskosten, laufende Kosten, Break-even-Punkt (meist 6–12 Monate)
- Umsatzprognose: Realistisch planen: im ersten Jahr selten volle Auslastung
- Personalplanung: Wann stellst du die erste Mitarbeiterin ein?
- Fördermöglichkeiten: KfW-Startgeld, Gründungszuschuss (aus Arbeitslosigkeit), NRW-Förderung
Wann lohnt es sich. und wann nicht
Lohnt sich mit Nische (z.B. SI-Therapie mit Warteliste), günstigem Standort und Bereitschaft zum Teamaufbau. Wenn du bessere Arbeitsbedingungen suchst: findest du das schneller in der richtigen Praxis.
Grüne Flaggen für die Gründung
- Du hast eine Spezialisierung mit Warteliste (SI, Neuro, Handtherapie)
- Du hast bereits einen Patientenstamm oder gute Ärztekontakte
- Du hast 6–12 Monate finanzielle Reserve ohne Einkommen
- Du bist bereit, ein Team aufzubauen (nicht nur Solo-Therapeutin zu bleiben)
- Dein Standort hat wenige Ergo-Praxen (Unterversorgung)
Rote Flaggen gegen die Gründung
- Du willst gründen, weil du deinen Chef nicht magst: ein Jobwechsel ist einfacher
- Du hast keine finanzielle Reserve
- Du möchtest nur behandeln, nicht organisieren, abrechnen und Personal führen
- Dein Einzugsgebiet ist überversorgt mit Ergo-Praxen
- Du hast keine klare Spezialisierung oder Alleinstellung
Die Selbstständigkeit hat mir Freiheit gegeben. aber auch 20 Stunden pro Woche Büroarbeit. Wenn du nur therapieren willst, bleib angestellt und such dir eine gute Praxis.. Praxisinhaberin, Essen
Alternative: Praxisübernahme
Viele Ergo-Praxen suchen Nachfolger. Übernahme ist günstiger und sicherer als Neugründung. Patientenstamm, Team und Kassenzulassung inklusive.
Die Übernahme kostet typischerweise 1–2 Jahresumsatz der Praxis (Goodwill) plus den Wert der Einrichtung. Bei einer Praxis mit 150.000 EUR Jahresumsatz sind das 20.000–50.000 EUR. Klingt viel, aber du sparst dir die unsichere Aufbauphase und hast ab Tag 1 Umsatz. Tipp: Sprich mit dem BED (Bundesverband für Ergotherapeuten in Deutschland): dort gibt es eine Praxisbörse.
Fazit: Gut vorbereitet gründen
Eine eigene Ergo-Praxis kann sich lohnen. wenn du mit Spezialisierung, Team-Aufbau und realistischen Erwartungen startest. Solo-Selbstständigkeit ist in der Ergotherapie wirtschaftlich fast immer ein Verlustgeschäft. Die Gründung ist ein Marathonlauf, kein Sprint. Und manchmal ist die bessere Entscheidung: eine Praxis finden, die dir die Freiheit gibt, die du suchst, ohne das finanzielle Risiko.